Zur Mittagszeit ist es brechend voll imSúper Coffee & Food Store. DasPublikum trägt Stan-Smith-Turnschuhe, Bärte oder Slimjeans, die internationale Uniform der IT-Generation. Es kommt aus den benachbarten Bürogebäuden, in denen sich Twitter, Ebay und Hewlett Packard niedergelassen haben. Die meisten bestellen auf Englisch: südafrikanische Spezialitäten wie vegetarisches Durban-Curry. An der Kaffeemaschine werkelt Christiane Collinge und produziert einen Café con leche nach dem anderen. Ihr Mann Jay steht in der Küche. Anfang vergangenen Jahres hat das deutsch-südafrikanische Paar hier in Poblenou sein Café eröffnet.

Nun versorgen sie nicht nur die Mitarbeiter von Film- und Werbefirmen, sondern auch die der Hightech-Branche. Die Collinges sind zur rechten Zeit am rechten Ort: Der seit 15 Jahren versprochene Aufschwung des Viertels kommt jetzt in Gang, mehr als 50 000 Arbeitsplätze sind bereits entstanden. Seit 2000 schon ist das ehemalige Industriequartier Poblenou unter dem Label 22@ eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Auf 200 Hektar soll hier zwischen alten Lager- und Fabrikhallen das neue wirtschaftliche Zentrum Barcelonas entstehen, mehr als 180 Millionen Euro flossen bereits in die neue Infrastruktur. Seit 2005 dient der 142 Meter hohe Torre Agbar von Jean Nouvel als Symbol des dreieckigen Areals, das sich von der Plaça de les Glòries Catalanes zwischen den Seitenachsen Avinguda Diagonal und Meridiana zum Meer hin aufspannt. Die bunt schimmernde Prachtgurke des französischen Stararchitekten hat längst ihren Spitznamen weg: „Zäpfchen“ nennen die Katalanen das Gebäude, in dem bisher die städtischen Wasserwerke ihren Hauptsitz hatten. „Bald zieht dort mit dem Grand Hyatt ein weiteres Luxushotel ein“, weiß Sandy Brunner. Die Architektin aus Zürich lebt seit 15 Jahren in Barcelona. Mit ihrer Firma Insight Barcelona bietet sie Architekturführungen zu diversen Themen, Epochen oder Architekten an – von Antoni Gaudí bis Enric Ruiz Geli. „Kein Viertel verändert sich derzeit schneller als Poblenou“, sagt sie. Alte und neue Architektur begegnen sich hier auf Augenhöhe, Industriedenkmäler werden erhalten, entkernt und umgewidmet. Neue, spektakuläre Gebäude setzen starke Akzente. Der katalanische Architekt Enric Ruiz Geli zum Beispiel entwarf das Media-TIC, einen Bürokomplex, in dem auch viele Start-ups sitzen. Wie eine Seifenblase thront es am Carrer de Roc Boronat, seine Fassaden sind mit grünlich schimmernden Kunststoffkissen überzogen. Die Kissen auf der Westseite filtern das Sonnenlicht und entlasten die Klimaanlage, nach Osten hin sind sie mit Luft gefüllt und isolieren so das Gebäude. Auf dem Campus der Universität Pompeu Fabra vereinen sich alte Ziegelbauten mit glänzenden Glasfassaden.

 

 

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